Wer ist hier verrückt?

Auf dieses Buch war ich wirklich sehr gespannt. Zwei eigenständige Zürcher Autorinnen, die beide schon etliche Kriminalromane publiziert haben, schreiben gemeinsam einen Thriller. Geht das überhaupt?

Und wie! Was Mitra Devi und Petra Ivanov auf etwas mehr als dreihundert Seiten hinlegen, raubte mir beim Lesen den Atem und andern Aufgaben meine Aufmerksamkeit. Die Geschichte beginnt fast barockartig mit viel Personal, gewinnt aber rasch an Fahrt, und die Beschleunigung nimmt bis zum Finale zu. Am Ende bin ich geradezu dankbar für den ruhigen, beruhigenden Epilog; fast alles ist wieder gut.

Bis dahin ist gar nichts gut. Die Hauptperson, eine Psychiaterin mit eigener Praxis in Zürich, schwerst behinderter Schwester, halbwüchsigem Sohn, Ex-Mann gleichen Fachs und neuerdings einem Künstler als Freund, verstrickt sich in ihrem privaten wie beruflichen Alltag in immer neue Merkwürdigkeiten, die sie an ihrer Professionalität, gar an ihrer Gesundheit zweifeln lassen. Sie wird verfolgt von äusseren Ereignissen, die zusehends Leben bedrohen: das ihres Sohns, ihres Freunds, ihr eigenes. Sie sieht bald Gespenster, fühlt sich müde, leidet unter pochenden Kopfschmerzen. Ihr unterlaufen Fehler, ihre Gewissheiten scheinen sich aufzulösen.

Sarah Marten beginnt, böse Absicht hinter den Ereignissen zu vermuten, kann sich aber weder einen Plan noch einen Täter vorstellen. Ihr neuer Patient mit schizophrenen Schüben? Ihr Ex-Mann, der ihr den Patient zugeschoben hat? Ihr Sohn? Gar ihr Freund? Wer verletzt ihre hilflose Schwester? Wer manipuliert ihr Auto, verwanzt ihre Praxis, provoziert ihren Treppenunfall im eigenen Haus, klaut Sedativa aus ihrem Schrank? Was entfremdet ihr den Sohn, und warum ist er plötzlich weg, warum ist er krank? Wer will sie im Kern treffen? Sie kann sich nicht ausmalen, wer ihr derart übel wollte, dies alles zu bewirken.

Auf sich allein gestellt, löst Dr. Marten den Knoten just, bevor er sich um ihren Hals zusammenzieht, und rettet sich durch die Tötung jener Person, die ihr in unglaublichem Hass, aber kalt rechnend zwei Jahre lang nachstellte, um Vergeltung für einen Schmerz zu üben, für den sie keine Schuld trifft ausser im Empfinden jener Person.

Die Geschichte ist dicht und folgerichtig und ohne Längen erzählt, in den medizinischen Einzelheiten sauber recherchiert, in schnörkelloser Sprache und klaren Bildern. Filmreif. Grosses Kopfkino.

Mitra Devi und Petra Ivanov: «Schockfrost. Thriller». Unionsverlag, Zürich, 2017. 319 Seiten, englische Broschur. ISBN 978-3-293-00523-5

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