Doppelt verloren – und gewonnen

09. Januar 2020

 

 

 

Der deutsche Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt folgte 2017 seiner vor Jahren entflammten Liebe zur Algarve, der südlichsten der sieben Regionen Portugals. Er erfand dafür einen Trick in der Person von Leander Lost, autistischer Kriminalkommissar in seiner Heimatstadt Hamburg, der dank der Laune einer unterbeschäftigten und um ihren Job fürchtenden Interpol-Mitarbeiterin in deren Austauschprogramm für ein Jahr nach Faro versetzt wird, der Hauptstadt der Algarve, und der das Glück hat, in einem lauschigen Häuschen im weiter östlich gelegenen Küstenstädtchen Fuseta einquartiert zu werden. Und schon kann der Spass beginnen, genauer: der manchmal nicht ganz unblutige Ernst des Lebens. Weiterlesen »

Sozialkritik der Situation alleine gelassener Mütter

04. Januar 2020

 

«Polizeiruf 110» ist ursprünglich eine Krimiserie des Fernsehens der DDR, die ab 1971 als Gegenstück zur westdeutschen Serie «Tatort» wöchentlich ausgestrahlt wurde. Nach der Wende wurde sie vom Ersten Deutschen Fernsehen (ARD) übernommen und, ähnlich wie der «Tatort», von verschiedenen Studios im Wechsel und von Mal zu Mal mit unterschiedlichem Geschick produziert wird. Weiterlesen »

Serbien oder was Handke nicht gesagt hat

03. Januar 2020

 

 

Verdankenswerterweise in grosser Schrift versammelt hat Suhrkamp die drei zentralen Texte von Peter Handke zu Jugoslawien. Auch so ist die Lektüre freilich kein Sonntagsspaziergang, nicht allein der Geschehnisse wegen, sondern auch und vor allem wegen der Art, in welcher Handke sich mit ihnen schreibend auseinandersetzt, vorsichtig, fragend, zweifelnd in jedem Satz. Manchmal möcht ich ihn beim Lesen schütteln: Mann, bring’s endlich auf den Punkt, mach die Sätze kürzer, klarer, stell nicht jedes Wort in Frage, kaum schaut es Dir vom Papier entgegen in Deiner Schrift! Weiterlesen »

Was ist eigentlich eine Tomate?

01. Januar 2020

 

 

Die begnadete bio-dynamische Gärtnerin und Gartenjournalistin Ute Studer (Bioterra) legt mit «Tomatenlust» ein Buch vor, das wirklich grosse Lust auf Tomaten macht: Lust darauf, mehr über diese Pflanzen, ihre unzähligen Sorten und deren in Grösse, Form und Farbe so unterschiedlichen Früchte zu wissen, sie zu kosten und zu geniessen und am Ende gar selber Tomaten zu ziehen, und sei’s auf dem Balkon – dank vieler kundiger Tips, wie der Untertitel des Buchs verspricht. 

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Ein kühles Meer im Norden

17. Dezember 2019

 

 

 

 

Als ich mir «Die Nordsee» zur Rezension senden liess, war ich auf ein eigenartiges Gefühl gefasst, das meine Lektüre am Mittelmeer begleiten würde. Der Umstand, dass ich an dessen nördlichstem Strand lebe, vermochte das Fremde, das mich beim Lesen umgab, nicht zu mildern. War ich überhaupt schon einmal an der Nordsee gewesen? Weiterlesen »

Mit Algen begann alles Leben. Nun trachtet man nach dem ihren.

16. Dezember 2019

 

 

 

 

 

 

Würde das Buch nicht mit seinem Untertitel verraten, worum es geht, wär es kaum neben meinem Bett gelandet und hätte Nacht um Nacht meine Aufmerksamkeit gefordert, bis Hirn und Augen endlich nach Schlaf verlangten.

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Wie alles Leben im Meer entstand – und darin wieder verschwinden könnte

15. Dezember 2019

 

 

 

Wer wissen möchte, wie die Welt entstand, in der wir heute leben, und wie leicht und rasch das im Lauf einer sehr langer Zeit entstandene Gleichgewicht und damit die menschliche Zivilisation zusammenbrechen kann: Dieses Buch erklärt das alles eindrücklich.

Am Anfang war sozusagen nichts. Mehr als vier Milliarden Jahre brauchte es, damit in lebensfeindlichen Ozeane Sauerstoff entstand und andere Gase zurückdrängte. Eine komplexe Entwicklung mit vielem Auf und Ab, bis sich in den Fluten schliesslich allererste einfache Formen von dem entwickeln konnten, was wir heute als Leben bezeichnen.  Weiterlesen »

Hirnforschung, Wahnsinn und zurück in den Alltag

14. Dezember 2019

 

 

 

 

Der Wissenschaftsjournalist Beat Glogger legt einen spannungs- und lehrreichen Science-Thriller vor, der auf dem neusten Stand der Wissenschaft und auf privaten Erfahrungen beruht, den Bogen jedoch in unbekanntes Gebiet spannt, genauer: überspannt, jedenfalls aus der Rückschau der Hauptperson betrachtet.

Tina Benz, eine selbstbewusste und durchsetzungsstarke Frau vom herben Charme einer Lisbeth Salander aus Stieg Larssons Millenium-Trilogie versteht es, den international führenden Neurowissenschafter Frank Stern Weiterlesen »

Balance überm Abgrund geheim gehaltener Fakten

13. Dezember 2019

Peter Beutler schreibt Politkrimis; aber keine erfundenen. Er recherchiert wie ein Journalist historisch belegte Unfälle und Verbrechen in der Schweiz, die bisher ungeklärt geblieben sind. Dort, wo noch immer Geheimnisse die Geschehnisse verbergen, wird Beutler zum brillanten Romanautor. Er interpoliert zwischen den Scherben der aktenkundigen Fakten und bündelt das Wissen zu einer Geschichte, wie es in Wahrheit gewesen sein könnte. Der rote Faden, auf dem er dabei über die Abgründe balanciert, ist aus den feinen Fasern des cui bono geflochten: Wem mag es genützt haben? Den Mächtigen. Und offenbar sticht er damit ins Wespennest gewaltsam versteckter Wahrheiten, derart, dass er wie erst kürzlich Morddrohungen erhält. 

Geschichten erfinden ist, wie schon Yuval Harari sagte, eine zutiefst menschliche Wesensart, und in der Regel ist das ungefährlich – ausser man erfindet das, was unbedingt verschwiegen bleiben soll.

Zwei von Beutlers Büchern will ich hier kurz vorstellen. Ich habe sie mit wachsendem Interesse verschlungen, weil sie Ereignisse betreffen, die ich als lesender Zeitzeuge mitverfolgt hatte. 

In «Der Lucens-GAU» arbeitet Beutler den «grössten anzunehmenden Unfall» (GAU) in einem Schweizer Atomkraftwerk auf, ein Versuchskraftwerk in einer Felskaverne beim westschweizerischen Ort Lucens (deutsch: Losingen), das im Jahr 1969 sich nach nur einjährigem Betrieb durch eine Kernschmelze derart zerstörte, dass nichts anderes zu tun blieb, als es im Wortsinn dicht zu machen. So dicht jedenfalls, dass man besorgten Bürgern glauben machen konnte, da trete nie mehr Radioaktivität aus; die sei ja, so die Verantwortlichen, auch beim und nach dem GAU nie ausgetreten, jedenfalls nicht in besorgniserregendem Umfang… 

Wenn nicht die physikalischen Folgen, so hätten doch die politischen Hintergründe zu grosser Besorgnis Anlass geben müssen. Das AKW Lucens war, wie Beutler deutlich macht, nicht anderes als der Beton gewordene Wille eines helvetischen militärisch-industriellen Komplexes mit Ablegern bis weit rechts aussen, der um jeden Preis in den Besitz einer vom Ausland unabhängigen Maschine gelangen wollte, welche Plutonium für eine eigene Atomwaffe liefern würde. Beutler stellt die politische und wissenschaftliche Auseinandersetzung über diese Frage in der Gestalt zweier junger Forscherkollegen dar, die sich im Verlauf der Entwicklung des Reaktors immer mehr entzweien; der eine verbündet sich mit Politikern und Militärs, während der andere sich von Anfang an einzig für die friedliche Nutzung der Atomenergie engagiert hatte und zunehmend gegen die militärischen Absichten und gegen die Inbetriebnahme des Reaktors opponierte, dessen Sicherheit er als fraglich beurteilte. Beutlers Geschichte endet (oder beginnt) damit, dass der Kritiker, von seinem Kontrahenten in den Stollen geschickt, mutmasslich beim GAU ums Leben kommt. Die komplexe Spurensuche auf dem Weg zu diesem Schluss ist faszinierend.

In «Hauptwache Urania» greift Beutler ein Ereignis auf, das ab 1967 die Zürcher Öffentlichkeit bewegte. Die Hauptperson war unter dem Namen «Meier 19» in aller Munde: Kurt Meier, Detektivwachtmeister der Zürcher Stadtpolizei. Beutler bezeichnet sein Buch als Hommage an diesen Mann, weil er «gegen Behördenwillkür, Günstlingswirtschaft und Amtsmissbrauch gekämpft» hat und weil «die Politik, die Justiz die die Polizei ihm das heimgezahlt und in seiner Existenz beraubt» haben. Ein klassischer Whistleblower-Fall. Meier hatte Fälle zur Anzeige gebracht, in welchen hochrangige Persönlichkeiten trotz erwiesener Zuwiderhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz nicht gebüsst worden war. Vor allem aber machte Meiers Vorwurf Schlagzeilen, der damalige Kripo-Chef Walter Hubatka wisse etwas über den Diebstahl, bei dem im Jahr 1963 auf der Hautwache Lohntüten mit insgesamt 80’000 Franken entwendet worden waren; entweder decke Hubatka  die Täter oder gehöre selber zu ihnen. 

Meier wurde 1967 wegen Amtsgeheimnisverletzung aus dem Polizeidienst entlassen. Das  Bezirksgericht attestierte Meier ein halbes Jahr später zwar «achtenswerte Motive» und verknurrte ihn statt zu Gefängnis zu einer kleinen Busse; gleichzeitig hielt das Gericht aber fest, er hätte seine Beschwerden verwaltungsintern vorbringen müssen, weshalb der Tatbestand der Amtsgeheimnisverletzung gegeben sei. Das von Meier angerufene Bundesgericht bestätigte 1968 dieses Urteil. Eine parallel tagende Parlamentarische Untersuchungskommission war 1967 zu ähnlichen Schlüssen und stellte fest, es habe sich lediglich um «Einzelfälle» gehandelt. Gegen den entschlossenen Willen der Aufsichtsorgane, den Unregelmässigkeiten auf den Grund zu gehen, blieb Meier nichts anderes übrig, als sich für die Wahrheit und seine Ehre selber zu wehren. Die Fortschrittliche Studentenschaft Zürich unterstützte ihn dabei mit Flugblättern, in welchen Meier die Fakten ausbreitete, und mit einer Demo gegen korrupte Polizeichefs.

Wer die Lohntüten aus der Hauptwache geklaut hat, ist bis heute ungeklärt, besser gesagt: geheim. Beutler legt in seinem spannenden Roman eine Lösung des Falls nahe.

Nun, war es so gewesen in Lucens, auf der Zürcher Hauptwache? Zumindest sind Beutlers Erklärungsversuche so plausibel, dass die Hüter der Geheimnisse nicht mehr ruhig schlafen dürfen, bis alles ans Licht kommt.

Peter Beutler: «Hauptwache Urania», Kriminalroman. Emons Verlag, Köln, 2017, 335 S., Taschenbuch, ISBN 978-3-7408-0164-9
derselbe: «Der Lucens-GAU», Kriminalroman. Emons Verlag, Köln, 2018, 368 S., Taschenbuch, ISBN 978-3-7408-0432-9

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Ein Krimi für gut Beschuhte

11. Dezember 2019

 

 

 

 

 

Zur Lektüre dieses Krimis empfiehlt sich gutes Schuhwerk. Für jene, die nicht mehr erlebt haben, was das heisst: Ich rede von solider Handwerksarbeit aus echtem Leder, innen wie aussen, rahmengenäht, Vollgummisohle, mit reissfesten Nesteln und Ösen, von einer Qualität, der man ganz selbstverständlich Pflege und gutes Schuhfett angedeihen lässt.

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