Von Aalen und Menschen

25. August 2021

 

 

 

 

Ich kann mich an kein Buch über eine Fischart erinnern, das mich je derart berührt und begeistert hat. Das «Evangelium» im Titel mag zunächst irreführen. Was der schwedische Kulturjournalist Patrik Svensson auf 253 Seiten ausbreitet, ist randvoll von wissenschaftlichen Erkenntnissen über den Lebenszyklus dieser Fische, die in der fernen Sargassosee östlich von Florida als kleine Larven an der Oberfläche auftauchen, sich von den Strömungen an die europäische Küste treiben lassen, als junge Glasaale in die Flüsse aufsteigen und dort in Gewässern oft viele Jahre lang im Verborgenen leben, bis sie eines Tages den Drang verspüren, die weite und beschwerliche Reise zurück an ihren Ursprungsort auf sich zu nehmen, um sich dort zu paaren und zu sterben.  Weiterlesen »

Vom schönen, seltenen Blau

28. Februar 2021

 

 

 

 

Irgendwer hatte mir während einer Diskussion zugeraunt: Übrigens BLAU, dieses Buch würde Dir sehr gefallen, und aus dem Zusammenhang heraus ging ich von einem Buch übers Meer aus, denn was könnte überwältigender blau sein als das Meer? Und was könne mich mehr interessieren als alles, was mit der Lebenswelt von Fischen zu tun hat? Also bestellte ich mir das Buch, out of the blue sozusagen, und entnahm bald darauf einem Paket ein seltsames Ding, weder Blau noch Violett, jedenfalls für mich nicht, eher eine Beleidigung für meinen Farbsinn im allgemeinen noch gar für Blau, eine meiner Lieblingsfarben.  Weiterlesen »

Dank Münchhausen aus dem Sumpf

08. Januar 2021

 

 

 

Sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen gehört seit langem zu meinen beliebten Wortwendungen. Als Bub verschlang ich die legendären Geschichten von oder über Münchhausen; dieses eine Bild hat sich mir früh eingeprägt, viel nachhaltiger als etwa des Edelmanns filmreifer Ritt auf der Kanonenkugel: Mit der Kraft des eigenen Willens kann es also möglich sein, einer ausweglosen Situation zu entkommen, wenn auch kaum so plakativ wie der Lügenbaron.

Mehr wusste ich nicht über diese wohl (selbst-) erfundene Figur, bis ich von Tina Breckwoldts Buch hörte. Weiterlesen »

Plötzlich so unstill am See

07. Januar 2021

 

 

 

Das beschauliche Konstanz am Bodensee, in grauer Vorzeit Austragungsort eines Jahre dauernden Konzils, von dessen ganz unkatholischen Verlustierungen ein frivoles Kunstwerk am Hafen zeugt, wird aus heiterem Himmel zum Schauplatz der Apokalypse. Dabei schien alles so wohlvorbereitet für eine grosse Kundgebung der Klimajugend in der Universitätsstadt, mit einer Ansprache der deutschen Greta als Höhepunkt. Den aber setzten finstere Kräfte: Schwerbewaffnete Rechtsextreme, die unvermutet aus ihren Verstecken auf den Plan traten mit der Absicht, den Anlass zu zerstören und die mediale Wirkung für ihre brutale Botschaft zu nutzen. Weiterlesen »

Liebe und Treue in Kriegszeiten

06. Januar 2021

 

 

 

 

 

Niemand kann alles lesen, kaum ist es erschienen. Darum sind Bücher eine wahre Rettung – ich kann sie auch viel später lesen, wenn sie zum Klassiker geworden sind, so wie Alex Capus’ Roman «Léon und Louise», auf den ich erst Jahre nach dessen Erstauflage zufällig aufmerksam geworden bin. Was der Autor hier ausbreitet, ist ein über die beiden Weltkriege hin angelegter Bilderbogen, der die Schrecknisse und Wirrnisse aus der Perspektive eines Manns und einer Frau schildert, die sich jung verlieben und aller erzwungenen Trennungen und persönlichen Verstrickungen zum Trotz bis ans Ende ihres Lebens nie verlieren.

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Selber Kochen als Akt der Selbstbehauptung

28. November 2020

 

 

 

 

 

Der Buchtitel ist etwas reisserisch, der scheinbar alles Essbare umfassende Untertitel gar irreführend – es geht in Krieners Magenbetrachtungen «nur» um Fleisch und Fisch sowie um deren künstliche Alternativen, als Zugabe zudem um Zucker und Wein. Gemüse, Obst und Getreide – alles nur Beilagen zu toten Tieren? – werden bestenfalls in Nebensätzen erwähnt, vor allem in den Kapiteln, die sich erfrischend kritisch mit Bio-Siegeln und Superfood auseinandersetzen. 

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Engadiner Abgründe

02. August 2020

 

 

 

 

 

Der Jungpolizist aus dem Unterland tritt seine erste Stelle nach der Ausbildung an, und schon am Wochenende vor seinem ersten Arbeitstag kommt der dem König im Tal auf die Schliche. Zwar wird er von seinen Vorgesetzten ausgebremst und vom Dienst suspendiert, bevor er ihn antreten konnte, weil einfach nicht sein kann, was nicht sein darf; aber der Jungpolizist überführt den  Bösewicht derart klar, dass die Polizei gar nicht anders kann, als ihn zu verhaften.

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Afghanisches Epos

13. April 2020
Videostill aus dem Film

Ein gewaltiges Epos über ein Land, das in den vergangenen vierzig Jahren nur Krieg erlebt hat, der stets durch Grossmächte gefördert wurde, bis sie das Land wegwarfen wie einen alten schmutzigen Lappen. Grandiose Landschaften, erhellende Porträts von einzelnen Frauen und Männern, die in Afghanistan eine Rolle spielten, als zerstrittene Kriegsfürsten, Kriegspoeten, Glaubenskrieger oder als Anhängerinnen einer zivilen, laizistischen bis moderat muslimischen Gesellschaft. Berührende, berückende und bedrückende Szenen, manchmal niederdrückend vor Zorn und Scham über das, was unter aller Augen, die es sehen wollten, einem Land, das einigermassen in Einklang mit sich und seiner Umwelt gelebt hatte, in jüngster Zeit und in steter Verletzung des Völkerrechts angetan werden durfte.

Was dieser Film ausblendet, ist die viel längere Vorgeschichte. Seit den 1830er Jahren stritten sich Briten und Russen im Versuch, grösseren Einfluss auf die Reiche in Zentralasien zu nehmen und den Einfluss der andern Macht zu vereiteln; auch in Afghanistan. Auch diese Geschichte unter dem Namen «The Great Game»  ist voller kolonialistischer Arroganz und Brutalität, vor allem auf Seiten Grossbritanniens, das anders als Russland überhaupt nicht in Zentralasiens Nachbarschaft lag; es ging den Briten um den Schutz des südöstlich angrenzenden Indiens, das sie sich unter den Nagel gerissen hatten, sprich: um den Schutz ihrer ausbeuterischen Geschäfte.

Die afghanische Bevölkerung war also seit mindestens fünf Generationen an derartige Übergriffe von aussen gewohnt; doch das Geschehen ist mit der massenhaften Zerstörung in den vergangenen vierzig Jahren kaum zu vergleichen: Erst durch die Sowjetunion, die den afghanischen Kommunisten, einer der führende Kräfte im Aufbruch zu einer Modernisierung der Gesellschaft, «zu Hilfe» eilte, dann die rivalisierenden und von rivalisierenden Staaten in der Region unterstützten Mujaheddin, dann die Taliban, junge Muslimschüler, deren wichtigste Waffe ihr fanatischer Glaube war, und schliesslich die USA mit ihren Vasallen im Schlepptau, die zuvor islamistische Extremisten an ihrer Brust genährt hatten, um der Sowjetunion zu schaden und sie zum Rückzug zu drängen. Am Ende blieb eine Bevölkerung zurück, sich selbst überlassen, ohne echte Aufbauhilfe, müde von all den Kriegen untereinander, deren widerstandsfähigste Köpfe – im Film sind es wohl nicht zufällig Frauen – auf einen Neuanfang hin arbeiten, auch gemeinsam mit Taliban, von denen sie einst brutal unterdrückt worden waren.

Als Zuschauer fühlte ich mich von diesem weitgehend dokumentarischen Film auf mein Sofa gepresst, schämte mich meiner bequemen Lage und frage mich: Was kann ich denn tun, um die Menschen dort, die mir in viermal 55 Minuten so nah gekommen sind, auf ihrem Weg in eine bessere Zukunft zu unterstützen?

Mayte Carrasco, Marcel Mettelsiefen:
«Afghanistan, das verwundete Land», NDR, 2019.
Verfügbar auf ARTE bis 5. Juli 2020

 

Doppelt verloren – und gewonnen

09. Januar 2020

 

 

 

Der deutsche Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt folgte 2017 seiner vor Jahren entflammten Liebe zur Algarve, der südlichsten der sieben Regionen Portugals. Er erfand dafür einen Trick in der Person von Leander Lost, autistischer Kriminalkommissar in seiner Heimatstadt Hamburg, der dank der Laune einer unterbeschäftigten und um ihren Job fürchtenden Interpol-Mitarbeiterin in deren Austauschprogramm für ein Jahr nach Faro versetzt wird, der Hauptstadt der Algarve, und der das Glück hat, in einem lauschigen Häuschen im weiter östlich gelegenen Küstenstädtchen Fuseta einquartiert zu werden. Und schon kann der Spass beginnen, genauer: der manchmal nicht ganz unblutige Ernst des Lebens. Weiterlesen »

Sozialkritik der Situation alleine gelassener Mütter

04. Januar 2020

 

«Polizeiruf 110» ist ursprünglich eine Krimiserie des Fernsehens der DDR, die ab 1971 als Gegenstück zur westdeutschen Serie «Tatort» wöchentlich ausgestrahlt wurde. Nach der Wende wurde sie vom Ersten Deutschen Fernsehen (ARD) übernommen und, ähnlich wie der «Tatort», von verschiedenen Studios im Wechsel und von Mal zu Mal mit unterschiedlichem Geschick produziert wird. Weiterlesen »