Dank Münchhausen aus dem Sumpf

08. Januar 2021

 

 

 

Sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen gehört seit langem zu meinen beliebten Wortwendungen. Als Bub verschlang ich die legendären Geschichten von oder über Münchhausen; dieses eine Bild hat sich mir früh eingeprägt, viel nachhaltiger als etwa des Edelmanns filmreifer Ritt auf der Kanonenkugel: Mit der Kraft des eigenen Willens kann es also möglich sein, einer ausweglosen Situation zu entkommen, wenn auch kaum so plakativ wie der Lügenbaron.

Mehr wusste ich nicht über diese wohl (selbst-) erfundene Figur, bis ich von Tina Breckwoldts Buch hörte. Weiterlesen »

Plötzlich so unstill am See

07. Januar 2021

 

 

 

Das beschauliche Konstanz am Bodensee, in grauer Vorzeit Austragungsort eines Jahre dauernden Konzils, von dessen ganz unkatholischen Verlustierungen ein frivoles Kunstwerk am Hafen zeugt, wird aus heiterem Himmel zum Schauplatz der Apokalypse. Dabei schien alles so wohlvorbereitet für eine grosse Kundgebung der Klimajugend in der Universitätsstadt, mit einer Ansprache der deutschen Greta als Höhepunkt. Den aber setzten finstere Kräfte: Schwerbewaffnete Rechtsextreme, die unvermutet aus ihren Verstecken auf den Plan traten mit der Absicht, den Anlass zu zerstören und die mediale Wirkung für ihre brutale Botschaft zu nutzen. Weiterlesen »

Liebe und Treue in Kriegszeiten

06. Januar 2021

 

 

 

 

 

Niemand kann alles lesen, kaum ist es erschienen. Darum sind Bücher eine wahre Rettung – ich kann sie auch viel später lesen, wenn sie zum Klassiker geworden sind, so wie Alex Capus’ Roman «Léon und Louise», auf den ich erst Jahre nach dessen Erstauflage zufällig aufmerksam geworden bin. Was der Autor hier ausbreitet, ist ein über die beiden Weltkriege hin angelegter Bilderbogen, der die Schrecknisse und Wirrnisse aus der Perspektive eines Manns und einer Frau schildert, die sich jung verlieben und aller erzwungenen Trennungen und persönlichen Verstrickungen zum Trotz bis ans Ende ihres Lebens nie verlieren.

Weiterlesen »

Selber Kochen als Akt der Selbstbehauptung

28. November 2020

 

 

 

 

 

Der Buchtitel ist etwas reisserisch, der scheinbar alles Essbare umfassende Untertitel gar irreführend – es geht in Krieners Magenbetrachtungen «nur» um Fleisch und Fisch sowie um deren künstliche Alternativen, als Zugabe zudem um Zucker und Wein. Gemüse, Obst und Getreide – alles nur Beilagen zu toten Tieren? – werden bestenfalls in Nebensätzen erwähnt, vor allem in den Kapiteln, die sich erfrischend kritisch mit Bio-Siegeln und Superfood auseinandersetzen. 

Weiterlesen »

Engadiner Abgründe

02. August 2020

 

 

 

 

 

Der Jungpolizist aus dem Unterland tritt seine erste Stelle nach der Ausbildung an, und schon am Wochenende vor seinem ersten Arbeitstag kommt der dem König im Tal auf die Schliche. Zwar wird er von seinen Vorgesetzten ausgebremst und vom Dienst suspendiert, bevor er ihn antreten konnte, weil einfach nicht sein kann, was nicht sein darf; aber der Jungpolizist überführt den  Bösewicht derart klar, dass die Polizei gar nicht anders kann, als ihn zu verhaften.

Weiterlesen »

Afghanisches Epos

13. April 2020
Videostill aus dem Film

Ein gewaltiges Epos über ein Land, das in den vergangenen vierzig Jahren nur Krieg erlebt hat, der stets durch Grossmächte gefördert wurde, bis sie das Land wegwarfen wie einen alten schmutzigen Lappen. Grandiose Landschaften, erhellende Porträts von einzelnen Frauen und Männern, die in Afghanistan eine Rolle spielten, als zerstrittene Kriegsfürsten, Kriegspoeten, Glaubenskrieger oder als Anhängerinnen einer zivilen, laizistischen bis moderat muslimischen Gesellschaft. Berührende, berückende und bedrückende Szenen, manchmal niederdrückend vor Zorn und Scham über das, was unter aller Augen, die es sehen wollten, einem Land, das einigermassen in Einklang mit sich und seiner Umwelt gelebt hatte, in jüngster Zeit und in steter Verletzung des Völkerrechts angetan werden durfte.

Was dieser Film ausblendet, ist die viel längere Vorgeschichte. Seit den 1830er Jahren stritten sich Briten und Russen im Versuch, grösseren Einfluss auf die Reiche in Zentralasien zu nehmen und den Einfluss der andern Macht zu vereiteln; auch in Afghanistan. Auch diese Geschichte unter dem Namen «The Great Game»  ist voller kolonialistischer Arroganz und Brutalität, vor allem auf Seiten Grossbritanniens, das anders als Russland überhaupt nicht in Zentralasiens Nachbarschaft lag; es ging den Briten um den Schutz des südöstlich angrenzenden Indiens, das sie sich unter den Nagel gerissen hatten, sprich: um den Schutz ihrer ausbeuterischen Geschäfte.

Die afghanische Bevölkerung war also seit mindestens fünf Generationen an derartige Übergriffe von aussen gewohnt; doch das Geschehen ist mit der massenhaften Zerstörung in den vergangenen vierzig Jahren kaum zu vergleichen: Erst durch die Sowjetunion, die den afghanischen Kommunisten, einer der führende Kräfte im Aufbruch zu einer Modernisierung der Gesellschaft, «zu Hilfe» eilte, dann die rivalisierenden und von rivalisierenden Staaten in der Region unterstützten Mujaheddin, dann die Taliban, junge Muslimschüler, deren wichtigste Waffe ihr fanatischer Glaube war, und schliesslich die USA mit ihren Vasallen im Schlepptau, die zuvor islamistische Extremisten an ihrer Brust genährt hatten, um der Sowjetunion zu schaden und sie zum Rückzug zu drängen. Am Ende blieb eine Bevölkerung zurück, sich selbst überlassen, ohne echte Aufbauhilfe, müde von all den Kriegen untereinander, deren widerstandsfähigste Köpfe – im Film sind es wohl nicht zufällig Frauen – auf einen Neuanfang hin arbeiten, auch gemeinsam mit Taliban, von denen sie einst brutal unterdrückt worden waren.

Als Zuschauer fühlte ich mich von diesem weitgehend dokumentarischen Film auf mein Sofa gepresst, schämte mich meiner bequemen Lage und frage mich: Was kann ich denn tun, um die Menschen dort, die mir in viermal 55 Minuten so nah gekommen sind, auf ihrem Weg in eine bessere Zukunft zu unterstützen?

Mayte Carrasco, Marcel Mettelsiefen:
«Afghanistan, das verwundete Land», NDR, 2019.
Verfügbar auf ARTE bis 5. Juli 2020

 

Doppelt verloren – und gewonnen

09. Januar 2020

 

 

 

Der deutsche Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt folgte 2017 seiner vor Jahren entflammten Liebe zur Algarve, der südlichsten der sieben Regionen Portugals. Er erfand dafür einen Trick in der Person von Leander Lost, autistischer Kriminalkommissar in seiner Heimatstadt Hamburg, der dank der Laune einer unterbeschäftigten und um ihren Job fürchtenden Interpol-Mitarbeiterin in deren Austauschprogramm für ein Jahr nach Faro versetzt wird, der Hauptstadt der Algarve, und der das Glück hat, in einem lauschigen Häuschen im weiter östlich gelegenen Küstenstädtchen Fuseta einquartiert zu werden. Und schon kann der Spass beginnen, genauer: der manchmal nicht ganz unblutige Ernst des Lebens. Weiterlesen »

Sozialkritik der Situation alleine gelassener Mütter

04. Januar 2020

 

«Polizeiruf 110» ist ursprünglich eine Krimiserie des Fernsehens der DDR, die ab 1971 als Gegenstück zur westdeutschen Serie «Tatort» wöchentlich ausgestrahlt wurde. Nach der Wende wurde sie vom Ersten Deutschen Fernsehen (ARD) übernommen und, ähnlich wie der «Tatort», von verschiedenen Studios im Wechsel und von Mal zu Mal mit unterschiedlichem Geschick produziert wird. Weiterlesen »

Serbien oder was Handke nicht gesagt hat

03. Januar 2020

 

 

Verdankenswerterweise in grosser Schrift versammelt hat Suhrkamp die drei zentralen Texte von Peter Handke zu Jugoslawien. Auch so ist die Lektüre freilich kein Sonntagsspaziergang, nicht allein der Geschehnisse wegen, sondern auch und vor allem wegen der Art, in welcher Handke sich mit ihnen schreibend auseinandersetzt, vorsichtig, fragend, zweifelnd in jedem Satz. Manchmal möcht ich ihn beim Lesen schütteln: Mann, bring’s endlich auf den Punkt, mach die Sätze kürzer, klarer, stell nicht jedes Wort in Frage, kaum schaut es Dir vom Papier entgegen in Deiner Schrift! Weiterlesen »

Was ist eigentlich eine Tomate?

01. Januar 2020

 

 

Die begnadete bio-dynamische Gärtnerin und Gartenjournalistin Ute Studer (Bioterra) legt mit «Tomatenlust» ein Buch vor, das wirklich grosse Lust auf Tomaten macht: Lust darauf, mehr über diese Pflanzen, ihre unzähligen Sorten und deren in Grösse, Form und Farbe so unterschiedlichen Früchte zu wissen, sie zu kosten und zu geniessen und am Ende gar selber Tomaten zu ziehen, und sei’s auf dem Balkon – dank vieler kundiger Tips, wie der Untertitel des Buchs verspricht. 

Weiterlesen »