Archiv für die Kategorie ‘Film’

Afghanisches Epos

Montag, 13. April 2020
Videostill aus dem Film

Ein gewaltiges Epos über ein Land, das in den vergangenen vierzig Jahren nur Krieg erlebt hat, der stets durch Grossmächte gefördert wurde, bis sie das Land wegwarfen wie einen alten schmutzigen Lappen. Grandiose Landschaften, erhellende Porträts von einzelnen Frauen und Männern, die in Afghanistan eine Rolle spielten, als zerstrittene Kriegsfürsten, Kriegspoeten, Glaubenskrieger oder als Anhängerinnen einer zivilen, laizistischen bis moderat muslimischen Gesellschaft. Berührende, berückende und bedrückende Szenen, manchmal niederdrückend vor Zorn und Scham über das, was unter aller Augen, die es sehen wollten, einem Land, das einigermassen in Einklang mit sich und seiner Umwelt gelebt hatte, in jüngster Zeit und in steter Verletzung des Völkerrechts angetan werden durfte.

Was dieser Film ausblendet, ist die viel längere Vorgeschichte. Seit den 1830er Jahren stritten sich Briten und Russen im Versuch, grösseren Einfluss auf die Reiche in Zentralasien zu nehmen und den Einfluss der andern Macht zu vereiteln; auch in Afghanistan. Auch diese Geschichte unter dem Namen «The Great Game»  ist voller kolonialistischer Arroganz und Brutalität, vor allem auf Seiten Grossbritanniens, das anders als Russland überhaupt nicht in Zentralasiens Nachbarschaft lag; es ging den Briten um den Schutz des südöstlich angrenzenden Indiens, das sie sich unter den Nagel gerissen hatten, sprich: um den Schutz ihrer ausbeuterischen Geschäfte.

Die afghanische Bevölkerung war also seit mindestens fünf Generationen an derartige Übergriffe von aussen gewohnt; doch das Geschehen ist mit der massenhaften Zerstörung in den vergangenen vierzig Jahren kaum zu vergleichen: Erst durch die Sowjetunion, die den afghanischen Kommunisten, einer der führende Kräfte im Aufbruch zu einer Modernisierung der Gesellschaft, «zu Hilfe» eilte, dann die rivalisierenden und von rivalisierenden Staaten in der Region unterstützten Mujaheddin, dann die Taliban, junge Muslimschüler, deren wichtigste Waffe ihr fanatischer Glaube war, und schliesslich die USA mit ihren Vasallen im Schlepptau, die zuvor islamistische Extremisten an ihrer Brust genährt hatten, um der Sowjetunion zu schaden und sie zum Rückzug zu drängen. Am Ende blieb eine Bevölkerung zurück, sich selbst überlassen, ohne echte Aufbauhilfe, müde von all den Kriegen untereinander, deren widerstandsfähigste Köpfe – im Film sind es wohl nicht zufällig Frauen – auf einen Neuanfang hin arbeiten, auch gemeinsam mit Taliban, von denen sie einst brutal unterdrückt worden waren.

Als Zuschauer fühlte ich mich von diesem weitgehend dokumentarischen Film auf mein Sofa gepresst, schämte mich meiner bequemen Lage und frage mich: Was kann ich denn tun, um die Menschen dort, die mir in viermal 55 Minuten so nah gekommen sind, auf ihrem Weg in eine bessere Zukunft zu unterstützen?

Mayte Carrasco, Marcel Mettelsiefen:
«Afghanistan, das verwundete Land», NDR, 2019.
Verfügbar auf ARTE bis 5. Juli 2020

 

Sozialkritik der Situation alleine gelassener Mütter

Samstag, 04. Januar 2020

 

«Polizeiruf 110» ist ursprünglich eine Krimiserie des Fernsehens der DDR, die ab 1971 als Gegenstück zur westdeutschen Serie «Tatort» wöchentlich ausgestrahlt wurde. Nach der Wende wurde sie vom Ersten Deutschen Fernsehen (ARD) übernommen und, ähnlich wie der «Tatort», von verschiedenen Studios im Wechsel und von Mal zu Mal mit unterschiedlichem Geschick produziert wird. (mehr …)

Ein Meister der Achtsamkeit im Kleinen

Mittwoch, 11. Dezember 2019

 

 

 

 

Handke hatte mich nie angesprochen, ich hatte kaum etwas von ihm wahrgenommen, bis mein Bruder mir vor ein paar Jahren «Immer noch Sturm» zu lesen empfahl, und auch seither habe ich mich nicht nach Büchern von ihm umgeschaut, mich erst mit ihm zu beschäftigen begonnen, als die Kritik wegen der Verleihung des Nobelpreises losbrach, an ihm, dem «Milosevic-Verehrer», dem «Srebrenica-Leugner» und was der Etiketten mehr sind. (mehr …)

Intime Frauenportäts in der DDR, 1998

Montag, 11. November 2019

Etwas aus der Zeit kurz vor dem Zusammenbruch des Regimes in der DDR (eine Zeit und ein Land, die mich immer wieder beschäftigen) und speziell zur Situation der Frauen:

«Winter Adé», ein berührender Film mit schlichten, nahen, sehr intimen Porträts, die nur gelingen  konnten, weil zwischen den Menschen vor und hinter der Kamera etwas Verbindendes bestand. Ich habe wenige Jahre nach der «Wende» auf dem Land unter den Menschen öfter etwas Ähnliches erlebt, was mir in dieser Selbstverständlichkeit nicht vertraut gewesen war.

Am stärksten berührt haben mich zwei der Frauen im Film, die damals 37jährige Schwerarbeiterin und alleinerziehende Mutter zweier Kinder, die sich ihrer behinderten Tochter wegen ausgeschlossen fühlt, wenig Perspektive für sich selber sieht und ihre Kraft aus der Zuneigung ihres Sohns schöpft; am liebsten würde man sie einfach in den Arm nehmen. Und die 83jährigen Urgrossmutter bei der Feier ihrer diamantenen Hochzeit, die später, allein mit der Regisseurin, davon berichtet, dass sie als Schwangere habe heiraten müssen, es aber später bereut habe, weil der Mann fremdgegangen sei, und die trocken feststellt, eigentlich hätte sie einen Besseren verdient.

Die aus Thüringen stammende Anja, der ich den Tip zu diesem sehr speziellen Dokumentarfilm verdanke, schrieb mir dazu: «Es ist der einzige mir bekannte aus Frauenperspektive, der zeitlich sehr nah an 89 liegt (also schon die „geistige Aufbruchsenergie“ enthält), aber noch völlig unberührt ist von der West-Sicht, von den ab 89 sofort einsetzenden West-Narrativen. Das macht den Film einzigartig. Man kann auch das andere Geschlechterverhältnis spüren … im guten wie im schlechten Sinne.»

Winter Adé. Eine Bahnreise durch die DDR im Jahr 1988.
Dokumentarfilm von Helke Misselwitz, DDR, 1998.
Mediathek der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung oder auf Youtube