Balance überm Abgrund geheim gehaltener Fakten

13. Dezember 2019

Peter Beutler schreibt Politkrimis; aber keine erfundenen. Er recherchiert wie ein Journalist historisch belegte Unfälle und Verbrechen in der Schweiz, die bisher ungeklärt geblieben sind. Dort, wo noch immer Geheimnisse die Geschehnisse verbergen, wird Beutler zum brillanten Romanautor. Er interpoliert zwischen den Scherben der aktenkundigen Fakten und bündelt das Wissen zu einer Geschichte, wie es in Wahrheit gewesen sein könnte. Der rote Faden, auf dem er dabei über die Abgründe balanciert, ist aus den feinen Fasern des cui bono geflochten: Wem mag es genützt haben? Den Mächtigen. Und offenbar sticht er damit ins Wespennest gewaltsam versteckter Wahrheiten, derart, dass er wie erst kürzlich Morddrohungen erhält. 

Geschichten erfinden ist, wie schon Yuval Harari sagte, eine zutiefst menschliche Wesensart, und in der Regel ist das ungefährlich – ausser man erfindet das, was unbedingt verschwiegen bleiben soll.

Zwei von Beutlers Büchern will ich hier kurz vorstellen. Ich habe sie mit wachsendem Interesse verschlungen, weil sie Ereignisse betreffen, die ich als lesender Zeitzeuge mitverfolgt hatte. 

In «Der Lucens-GAU» arbeitet Beutler den «grössten anzunehmenden Unfall» (GAU) in einem Schweizer Atomkraftwerk auf, ein Versuchskraftwerk in einer Felskaverne beim westschweizerischen Ort Lucens (deutsch: Losingen), das im Jahr 1969 sich nach nur einjährigem Betrieb durch eine Kernschmelze derart zerstörte, dass nichts anderes zu tun blieb, als es im Wortsinn dicht zu machen. So dicht jedenfalls, dass man besorgten Bürgern glauben machen konnte, da trete nie mehr Radioaktivität aus; die sei ja, so die Verantwortlichen, auch beim und nach dem GAU nie ausgetreten, jedenfalls nicht in besorgniserregendem Umfang… 

Wenn nicht die physikalischen Folgen, so hätten doch die politischen Hintergründe zu grosser Besorgnis Anlass geben müssen. Das AKW Lucens war, wie Beutler deutlich macht, nicht anderes als der Beton gewordene Wille eines helvetischen militärisch-industriellen Komplexes mit Ablegern bis weit rechts aussen, der um jeden Preis in den Besitz einer vom Ausland unabhängigen Maschine gelangen wollte, welche Plutonium für eine eigene Atomwaffe liefern würde. Beutler stellt die politische und wissenschaftliche Auseinandersetzung über diese Frage in der Gestalt zweier junger Forscherkollegen dar, die sich im Verlauf der Entwicklung des Reaktors immer mehr entzweien; der eine verbündet sich mit Politikern und Militärs, während der andere sich von Anfang an einzig für die friedliche Nutzung der Atomenergie engagiert hatte und zunehmend gegen die militärischen Absichten und gegen die Inbetriebnahme des Reaktors opponierte, dessen Sicherheit er als fraglich beurteilte. Beutlers Geschichte endet (oder beginnt) damit, dass der Kritiker, von seinem Kontrahenten in den Stollen geschickt, mutmasslich beim GAU ums Leben kommt. Die komplexe Spurensuche auf dem Weg zu diesem Schluss ist faszinierend.

In «Hauptwache Urania» greift Beutler ein Ereignis auf, das ab 1967 die Zürcher Öffentlichkeit bewegte. Die Hauptperson war unter dem Namen «Meier 19» in aller Munde: Kurt Meier, Detektivwachtmeister der Zürcher Stadtpolizei. Beutler bezeichnet sein Buch als Hommage an diesen Mann, weil er «gegen Behördenwillkür, Günstlingswirtschaft und Amtsmissbrauch gekämpft» hat und weil «die Politik, die Justiz die die Polizei ihm das heimgezahlt und in seiner Existenz beraubt» haben. Ein klassischer Whistleblower-Fall. Meier hatte Fälle zur Anzeige gebracht, in welchen hochrangige Persönlichkeiten trotz erwiesener Zuwiderhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz nicht gebüsst worden war. Vor allem aber machte Meiers Vorwurf Schlagzeilen, der damalige Kripo-Chef Walter Hubatka wisse etwas über den Diebstahl, bei dem im Jahr 1963 auf der Hautwache Lohntüten mit insgesamt 80’000 Franken entwendet worden waren; entweder decke Hubatka  die Täter oder gehöre selber zu ihnen. 

Meier wurde 1967 wegen Amtsgeheimnisverletzung aus dem Polizeidienst entlassen. Das  Bezirksgericht attestierte Meier ein halbes Jahr später zwar «achtenswerte Motive» und verknurrte ihn statt zu Gefängnis zu einer kleinen Busse; gleichzeitig hielt das Gericht aber fest, er hätte seine Beschwerden verwaltungsintern vorbringen müssen, weshalb der Tatbestand der Amtsgeheimnisverletzung gegeben sei. Das von Meier angerufene Bundesgericht bestätigte 1968 dieses Urteil. Eine parallel tagende Parlamentarische Untersuchungskommission war 1967 zu ähnlichen Schlüssen und stellte fest, es habe sich lediglich um «Einzelfälle» gehandelt. Gegen den entschlossenen Willen der Aufsichtsorgane, den Unregelmässigkeiten auf den Grund zu gehen, blieb Meier nichts anderes übrig, als sich für die Wahrheit und seine Ehre selber zu wehren. Die Fortschrittliche Studentenschaft Zürich unterstützte ihn dabei mit Flugblättern, in welchen Meier die Fakten ausbreitete, und mit einer Demo gegen korrupte Polizeichefs.

Wer die Lohntüten aus der Hauptwache geklaut hat, ist bis heute ungeklärt, besser gesagt: geheim. Beutler legt in seinem spannenden Roman eine Lösung des Falls nahe.

Nun, war es so gewesen in Lucens, auf der Zürcher Hauptwache? Zumindest sind Beutlers Erklärungsversuche so plausibel, dass die Hüter der Geheimnisse nicht mehr ruhig schlafen dürfen, bis alles ans Licht kommt.

Peter Beutler: «Hauptwache Urania», Kriminalroman. Emons Verlag, Köln, 2017, 335 S., Taschenbuch, ISBN 978-3-7408-0164-9
derselbe: «Der Lucens-GAU», Kriminalroman. Emons Verlag, Köln, 2018, 368 S., Taschenbuch, ISBN 978-3-7408-0432-9

Website des Autors

 

Ein Krimi für gut Beschuhte

11. Dezember 2019

 

 

 

 

 

Zur Lektüre dieses Krimis empfiehlt sich gutes Schuhwerk. Für jene, die nicht mehr erlebt haben, was das heisst: Ich rede von solider Handwerksarbeit aus echtem Leder, innen wie aussen, rahmengenäht, Vollgummisohle, mit reissfesten Nesteln und Ösen, von einer Qualität, der man ganz selbstverständlich Pflege und gutes Schuhfett angedeihen lässt.

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Ein Meister der Achtsamkeit im Kleinen

11. Dezember 2019

 

 

 

 

Handke hatte mich nie angesprochen, ich hatte kaum etwas von ihm wahrgenommen, bis mein Bruder mir vor ein paar Jahren «Immer noch Sturm» zu lesen empfahl, und auch seither habe ich mich nicht nach Büchern von ihm umgeschaut, mich erst mit ihm zu beschäftigen begonnen, als die Kritik wegen der Verleihung des Nobelpreises losbrach, an ihm, dem «Milosevic-Verehrer», dem «Srebrenica-Leugner» und was der Etiketten mehr sind. Weiterlesen »

Intime Frauenportäts in der DDR, 1998

11. November 2019

Etwas aus der Zeit kurz vor dem Zusammenbruch des Regimes in der DDR (eine Zeit und ein Land, die mich immer wieder beschäftigen) und speziell zur Situation der Frauen:

«Winter Adé», ein berührender Film mit schlichten, nahen, sehr intimen Porträts, die nur gelingen  konnten, weil zwischen den Menschen vor und hinter der Kamera etwas Verbindendes bestand. Ich habe wenige Jahre nach der «Wende» auf dem Land unter den Menschen öfter etwas Ähnliches erlebt, was mir in dieser Selbstverständlichkeit nicht vertraut gewesen war.

Am stärksten berührt haben mich zwei der Frauen im Film, die damals 37jährige Schwerarbeiterin und alleinerziehende Mutter zweier Kinder, die sich ihrer behinderten Tochter wegen ausgeschlossen fühlt, wenig Perspektive für sich selber sieht und ihre Kraft aus der Zuneigung ihres Sohns schöpft; am liebsten würde man sie einfach in den Arm nehmen. Und die 83jährigen Urgrossmutter bei der Feier ihrer diamantenen Hochzeit, die später, allein mit der Regisseurin, davon berichtet, dass sie als Schwangere habe heiraten müssen, es aber später bereut habe, weil der Mann fremdgegangen sei, und die trocken feststellt, eigentlich hätte sie einen Besseren verdient.

Die aus Thüringen stammende Anja, der ich den Tip zu diesem sehr speziellen Dokumentarfilm verdanke, schrieb mir dazu: «Es ist der einzige mir bekannte aus Frauenperspektive, der zeitlich sehr nah an 89 liegt (also schon die „geistige Aufbruchsenergie“ enthält), aber noch völlig unberührt ist von der West-Sicht, von den ab 89 sofort einsetzenden West-Narrativen. Das macht den Film einzigartig. Man kann auch das andere Geschlechterverhältnis spüren … im guten wie im schlechten Sinne.»

Winter Adé. Eine Bahnreise durch die DDR im Jahr 1988.
Dokumentarfilm von Helke Misselwitz, DDR, 1998.
Mediathek der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung oder auf Youtube

 

Tod in Genua, und überall

23. Oktober 2019

 

 

 

Alles bricht in sich zusammen, und Genua ist ein Spiegelbild hierfür. Die Idee einer zivilen Gesellschaft zerschellt am staatlichen Verhalten gegenüber Protestierenden gegen den G7-Gipfel. Die Vorstellung von der Sicherheit des Lebens in einem modernen Staat stürzt mit dem Zusammenbruch der Morandi-Brücke in den Abgrund. Die in ihrer Grandezza unsterbliche alte Tante Matilde hat sich unversehens ins Jenseits abgemeldet, was derart unerhört erscheint, dass ihr Begräbnis zum Desaster gerät, in welchem sich alles auflöst. Auch die Liebe zwischen Nina und Paul, den beiden andern Hauptpersonen, deren Schwierigkeit wie ein stetig röter werdender Faden durch den Roman führt, der sich zu dessen Ende aufdröselt, zerbröselt, verfällt. Nichts bleibt mehr ausser Bedauern, auch darüber, dass der Roman schon zuende ist, in dessen Bildern und Tönen und  Farben ich mich fast häuslich eingerichtet hatte, so dass ich mich als Lesender getragen fühlte, fortgetragen wie die imaginierte Tante Matilde in ihrem antiquierten Kreuzfahrtschiff, aus tausend Fenster zugleich winkend, wie zum Trost für den unwiderruflichen Abschied.

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Übers Mittelmeer nach Europa

21. Oktober 2019

 

 

 

Der Schweizer Journalist Beat Stauffer kennt den Maghreb seit vielen Jahren und berichtet über den vorwiegend arabischen Norden Afrikas immer wieder in der NZZ und auf Schweizer Radio SRF. Stauffer hat sich dabei auch wiederholt kritisch mit der Migration aus dem Maghreb nach Europa auseinandergesetzt. Nun legt er ein umfangreiches und reich dokumentiertes Buch zum Thema vor.

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Hommage an den vorlesenden Biologielehrer Handschin

10. August 2019

 

 

Warum ich gerade heute beim Erwachen an meinen Biologielehrer an der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) gedacht hab, kann ich mir nicht erklären. Ich weiss nur, dass ich diese Geschichte jetzt festhalten muss, egal, was ihretwegen an Arbeit liegen bleibt.

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Wenn ganz viele Menschen aus Afrika kommen

01. Mai 2019

 

 

 

 

 

Hier schreibt ein Autor über die Migration von Afrika nach Europa aufgrund von Zahlen und Fakten, die bestimmte Überlegungen nahelegen, denen er nicht ausweicht, anders als viele in Europa, die sich nicht mit den Folgen auseinandersetzen wollen. Die aber kommen so oder so, die Frage ist nur, ob wir sie vorausschauend gestalten oder abwarten, bis sie über uns hereinbrechen.

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Macht Spielen dick?

15. Juli 2018

Das Kartenspiel, von Oluf Simony-Jensen, 1904 (Wikimedia Commons)

Frage von Pedro Brunhart:

Meine Frau und ich spielen jeden Abend Karten. Manchmal sage ich in vorwurfsvollen Ton: Wenn du so weiterspielst, werde ich immer dicker.                   

Wie ist der Hintergrund dieses Satzes?

Runde 2: Deadline am So 15. August 2018 um 24:00 MEZ

Wähle unter den nachfolgenden 6 Antworten diejenige, welche Dich am meisten überzeugt, und sende den entsprechenden Buchstaben an Billo.

A) Als Trostpreis für den Verlierer (seltener: die Verliererin) gab es eine Zeit lang jeweils ein Stück Engadiner Nusstorte – gegebenenfalls auch mit Supplément.

B) Jedesmal wenn Pedro gute Karten hat und einen guten Zug macht, muss er eine Schoggi-Truffe essen.

C) Wenn ich ein Spiel verliere, darf ich ein Stück Selbergebackenes meiner Frau naschen.

D) Die neuste Weltstatistik zeigt: Die Armen werden dicker, die Reichen schlanker.

E) Bei denen geht es so: Wer verliert, kriegt ein Stück Schokolade. Und da Pedro mehrheitlich verliert und dann ein Stück Schokolade isst, sagt er diesen Satz.

F) Spielen macht dick: Bewegungsmangel, aber Kalorienzufuhr durch Kuchen, Chips und Bier.

 Spielregeln

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Schlittenhunds Ball

07. Juni 2018

Bild: Samojedenrüde (Foto: Michael Neufeld/Wikimedia Commons)

Frage von Ferdinand Schnabl: 

Wir sind einst abends mit PKW und Campinganhänger über die «Strasse der 4 Winde» von Norwegen nach Finnland gefahren, also nördlich von Schweden. Campingplätze sind dort rar, und so entschlossen wir uns, ein paar Kilometer zu einem urigen Platz zurückzufahren. Da war eine breite Hofzufahrt, in der man mit dem Campinggespann umdrehen konnte, ohne den Anhänger abzuhängen – wäre da nicht ein schöner Samojedenspitz, vermutlich Schlittenhund, mitten in der Einfahrt gelegen und hätte an einem alten Ball genagt. Hund trottete weg, Ball lag noch im Weg. Ich stieg aus und kickte den Ball zur Seite. Naja, Ball war es doch nicht – aber was war es?    

Hier das Ergebnis.

Spielregeln

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