Tod in Genua, und überall

 

 

 

Alles bricht in sich zusammen, und Genua ist ein Spiegelbild hierfür. Die Idee einer zivilen Gesellschaft zerschellt am staatlichen Verhalten gegenüber Protestierenden gegen den G7-Gipfel. Die Vorstellung von der Sicherheit des Lebens in einem modernen Staat stürzt mit dem Zusammenbruch der Morandi-Brücke in den Abgrund. Die in ihrer Grandezza unsterbliche alte Tante Matilde hat sich unversehens ins Jenseits abgemeldet, was derart unerhört erscheint, dass ihr Begräbnis zum Desaster gerät, in welchem sich alles auflöst. Auch die Liebe zwischen Nina und Paul, den beiden andern Hauptpersonen, deren Schwierigkeit wie ein stetig röter werdender Faden durch den Roman führt, der sich zu dessen Ende aufdröselt, zerbröselt, verfällt. Nichts bleibt mehr ausser Bedauern, auch darüber, dass der Roman schon zuende ist, in dessen Bildern und Tönen und  Farben ich mich fast häuslich eingerichtet hatte, so dass ich mich als Lesender getragen fühlte, fortgetragen wie die imaginierte Tante Matilde in ihrem antiquierten Kreuzfahrtschiff, aus tausend Fenster zugleich winkend, wie zum Trost für den unwiderruflichen Abschied.

Dass ich als Leser getragen sei, ist eine hohe Anforderung an ein Buch. Denn ich lese fast nur nachts im Bett, eine halbe Stunde, eine ganze, manchmal länger, ausschliesslich gedruckte Bücher, um vom Flimmern des Bildschirms wegzukommen, der aus meiner Arbeit bis auf weiteres nur sehr theoretisch wegzudenken ist. Und doch ist mein Alltag ist von Büchern zwischen Sachliteratur und Belletristik umgeben, die danach begehren, endlich von mir in die Hand genommen, gelesen und eventuell rezensiert zu werden, lauter Bücher, die sich mir einfach so angelacht haben auf meinem Gang durch die Welt. (Ich darf keine Buchhandlung betreten, es sei denn, ich hole nur grad das bestellte Buch ab; ich muss mich schützen vor noch mehr Büchern, die mich eifersüchtig beobachten.) 

Weil meine Lektüre also manche Nächte dauert, muss mich ein Buch besonders gut tragen, damit ich es zuende lese; denn wenn ich jede Nacht erst wieder in die Geschichte hineinfinden muss, die letzten paar gelesenen Seiten nochmals überfliegend, schlaf ich ein, bevor ich weiter komme. Tod in Genua las ich in einer strengen Zeit, in der ich nachts spät müde in mein Bett kroch und schon nach einem Dutzend Seiten das Buch zur Seite legen musste. Und jede Nacht war ich erstaunt, wie präsent mir die Geschichte geblieben war und die Stimmung an der Stelle, an der ich nachts zuvor das Licht gelöscht hatte. 

Ich hab versucht, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Wodurch trug dieser Roman mich als Leser so unverbrüchlich? Zum einen ist es Romana Ganzonis unwiderstehliche Fabulierkunst, ihr verzauberndes Spiel mit Bildern, die sich einprägen, als hätt ich sie mir in meinen Räumen aufgehängt und hätte sie stets mir gegenüber. Zum andern war’s wohl die ahnende Erwartung all der Hinter- und Abgründe, die sich mit dem Zusammenbrechen der Morandi-Brücke für mich beim Lesen verbanden, mit einem schrecklichen Ereignis, das auch in seinen nicht weniger schrecklichen Folgen und Nichtfolgen den Zustand Italiens, aber auch Europas so drastisch spiegelt und das mich, da ich im Belpaese lebe, vielleicht umso stärker betrifft. 

Der Roman gibt keinen Aufschluss über das Brückenunglück; es ist nur ein im Hintergrund drohender Teil des Bühnenbilds. Oder genauer: Der Aufschluss ist in der Geschichte einer Liebesbeziehung enthalten, die unmerklich aus den Fugen gerät, langsam vor sich hin stirbt, so langsam, dass ich als Leser zwar nicht überrascht bin, aber doch erstaunt, als einer der beiden Partner ihr den Todesstoss versetzt, unnötig grob, da sie doch schon gestorben ist. Geschichten dieser Art sind uns vertraut; Romana Ganzonis Kunst besteht darin, sie so zu erzählen, dass sie berühren, als wären sie neu. Dass Brücken einbrechen, Gesellschaften auseinanderfallen, der Tod einer Person jene, für die sie so wichtig war, uneins miteinander zurück lässt: Warum soll das erstaunen in einer Zeit, in der selbst die wichtigsten Bindungen zwischen Menschen oft so wenig Bestand haben? Warum ist es heute, da Menschen mehr wissen und können als je zuvor, so schwierig geworden, Brücken zu bauen, die halten?

In jeder Beziehung, so glauben Nina und Paul, sei der eine Partner eher der Gärtner, der andere die Blume, und sie . Man möchte nicht wissen, wer bei Romana Ganzoni zuhause der/die Gärtner/in ist und wer die Blume; genauer: Natürlich möchte man das wissen, getraut sich aber die Frage nicht, weil sie zu weiteren dieser Art führen würde, bis hin zur obligaten danach, wie viel Selbsterfahrung, ja: Autobiografie denn nun in der weiblichen Hauptfigur ausdrücke…? Im Bild jedenfalls steckt ein Kern Heilung: Anstatt Beziehungen so zu verstehen, als ginge es um die gemeinsame Maximierung des je individuellen Profits, und sie so lange zu pflegen, als der Profit für mich stimmt, liessen sich Beziehungen auch asymmetrisch leben, mal gibt der eine mehr, mal der andere, jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Das ist, erraten, nicht das Leitmotiv der Gesellschaft, in der wir heute leben.

Romana Ganzoni: «Tod in Genua». Rotpunkt-Verlag, Edition Blau, Zürich, 2019, 184 S. gebunden, ISBN 978-3-85869-843-8

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