Vergrabene Kriegsbeile ruhen nicht

 

 

 

Das Bologneser Autorenkollektiv Wu Ming folgt in seiner Romancollage «Kriegsbeile» einer fixen Idee. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs mussten sich viele italienische Partisanen in den Ostblock absetzen, um nicht liquidiert zu werden von Faschisten, die relativ problemlos in die Rolle von Polizisten, Richtern und Beamten schlüpften. Da KPI-Chef Togliatti nach dem Sieg der Christdemokraten bei der ersten Parlamentswahl der jungen Republik im Interesse nationaler Versöhnung angeordnet hatte, dass die Partisanen ihre Waffen abgeben, blieb der einzige Schutz, den die Partei den Kämpfern noch bieten konnte, der klandestine Abgang nach Jugoslawien, in die Tschechoslowakei oder nach Moskau.

Doch es ging das Gerücht, einige Partisanen seien ganz woanders hin ausgewichen, nach Indochina, als Kämpfer in den Reihen der dortigen Befreiungsarmeen. Das Autorenkollektiv in der Figur eines linken Anwalts lässt und lässt nicht locker. Er trifft alte Partisanen in der Emilia Romagna, hört ihre Geschichten von den Kämpfen gegen Faschisten, Nazis, italienische und deutsche Armee, ihre Siege und Niederlagen, ihre Abrechnungen mit Unmenschen auch nach Togliattis Aufruf zum Frieden – mancher hatte nur alte Waffen abgegeben und die guten behalten.

Im Lauf all dieser Gespräche, einer empfehlt den Anwalt dem nächsten Veteranen, wird die italienische Geschichte der Ereignisse seit den 1930er Jahren (das Buch erschien erstmals im Jahr 2000, mit einem umfangreichen Nachwort von 2005) in vielen Facetten lebendig; der einseitigen nationale Frieden, der schliesslich zum Zerfall der einst mächtigen kommunistischen Partei und zum Erstarken der extremen Rechten geführt hat. Indochina aber bleibt ein Gerücht.

Bis die Autoren auf Vitaliano Ravagli stossen, der wie andere Partisanen tatsächlich in Indochina gekämpft hat, zurückkehrte in ein Land, in welchem ihm alles fremd war, auch er sich selber, weshalb er erneut nach Indochina reiste, um gegen einheimische, französische und USamerikanische Reaktionäre und für die Freiheit der Völker zu kämpfen.

Der Roman wird in der From eines Puzzles erzählt, in dem sich die Kämpfe in Europa und in der Dritten Welt vermischen, verbinden. Es treten auf die treibenden Figuren des Befreiungskampfs in Indochina, Ho Chi Minh, General Giap, die drei roten laotischen Prinzen und andere sowie Bauern und Kämpfer aus den geknechteten Völkern, und verbinden sich in Ravaglis Erzählungen mit den Geschichten von italienischen Partisanen, die nach mehrjährigem Exil in Osteuropa ein bescheidenes, von der Gesellschaft fast vergessenes Dasein in ihrer alten Heimat leben.

Ein faszinierender Bogen aus Erzählungen von Menschen, die das Töten hassen, aber sich für den Widerstand entschieden, und die sich – anders als viele, die sich in den faulen, aber bequemen Frieden schickten – bis an ihr Lebensende nicht vereinnahmen liessen, auch nicht von einer Partei, die sie im Stich gelassen hatte, als der Kampf noch nicht zuende war.

Wu Ming und Vitaliano Ravagli: «Kriegsbeile». Deutsch von Klaus-Peter Arnold. 460 Seiten. Assoziation, Berlin, 2017. ISBN 978-3-86241-459-8

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