Willst, sprach er, Lakritz?

 

 

 

 

Das ist einer der Tage, da mir unvermittelt dieser Satz wieder durch den Geist weht, der sich mir vor Jahrzehnten ins Gedächtnis gebrannt hat. Warum gerade dieser Satz aus dem so wunderbaren  maurischen Geschichtenband «So zärtlich war Suleyken» von Siegfried Lenz? Als wär in diesem einen Satz die Quintessenz enthalten aus all dem mit zurückhaltend feinem Humor Erzählten.

Wenn mir dieser Satz wieder zufällt, plötzlich, so wie heute, bin ich für einen Augenblick zurückversetzt in mein lesendes Hineinstaunen in eine damals schon fremde Welt, die ich, das war mir klar, eines Tages besuchen würde, wenn ich nach Danzig führe und endlich die Frische und die Kurische Nehrung entlang schritte, die ich mit dem Finger auf der Landkarte so oft nach deren Sein befragt hatte.

Ich bin nie dort gewesen, und ich werd es vielleicht in diesem Leben nicht mehr sein. Aber die karg verträumten Geschichten aus dem ostpreussischen Hinterland liegen in mir wie ein behüteter Schatz, und um sie herum das Band aus «Eine Liebesgeschichte», deren fast wunschlose Unbeholfenheit der Protagonisten mich jedesmal in seltsame Wehmut versetzt.

«So, und jetzt sassen sie stumm wie die Hühner nebeneinander, äugten über die Wiese, äugten zum Wald hinüber, guckten manchmal auch in die Sonne oder kratzten sich am Fuss oder am Hals.
Dann, nach angemessener Weile, erfolgte wieder etwas Ungewöhnliches: Joseph Gritzan langte in die Tasche, zog etwas Eingewickeltes heraus und sprach zu dem Mädchen Katharina Knack: „Willst“, sprach er, „Lakritz?“
Sie nickte, und der Holzfäller wickelte zwei Lakritzstangen aus, gab ihr eine, und sah zu, wie sie aß und lutschte. Es schien ihr gut zu schmecken. Sie wurde übermütig – wenn auch nicht so, dass sie zu reden begonnen hätte -, ließ ihre Beine ins Wasser baumeln, machte kleine Wellen und sah hin und wieder in sein Gesicht. Er zog sich nicht die Schuhe aus.»

Siegfried Lenz: «So zärtlich war Suleyken», 1955. Hoffmann und Campe, ISBN: 978-3-455-31022-1

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