Hommage an den vorlesenden Biologielehrer Handschin

 

 

Warum ich gerade heute beim Erwachen an meinen Biologielehrer an der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) gedacht hab, kann ich mir nicht erklären. Ich weiss nur, dass ich diese Geschichte jetzt festhalten muss, egal, was ihretwegen an Arbeit liegen bleibt.

Handschin war der wohl unkonventionellste Lehrer an unserem damals noch überschaubaren Gymnasium im halbländlichen Wetzikon, ein Freund der Schüler, frei von jedem professoralen Habitus, aber wissenschaftlich klar in seinem Vortrag und streng in seinem Urteil über Prüfungsarbeiten. Ich erinnere mich gut an einen Vorfall, den ich ohne Absicht provoziert hatte.

Nach einem Zyklus über den Blutkreislauf der verschiedensten Spezies stellte uns Handschin die Aufgabe, die Qualität der Blutkreisläufe Art für Art mit Noten zu versehen, Eins für ganz ineffizient, Sechs für unübertroffen. Ich benotete den Blutkreislauf der «Krone der Schöpfung» ganz selbstverständlich mit Fünfeinhalb. 

Als Handschin in der nächsten Stunde die Prüfungsarbeiten austeilte, hier und dort eine knappe Bemerkung von sich gebend, verspürte ich zunehmend Unruhe: Warum komm ich nicht endlich dran? Ich war ja gewiss nicht sein schlechtester Schüler, sezierte gelehrig und ohne mit der Wimper zu zucken tote Käfer und Mäuse und verfolgte seinen Unterricht mit grossem Interesse, was ihm nicht verborgen geblieben sein konnte. Ich kam als Letzter dran, und Handschin hob die Stimme: «Ein einziger von Euch hat dem menschlichen Blutkreislauf nicht die Note Sechs gegeben – Studer, wie kamen sie nur auf diese Idee?!» Die Klasse lachte; vermutlich dachten alle, ich hätte nicht gut aufgepasst. Ich erwiderte, die Evolution sei ja nicht abgeschlossen, und derart perfekt sei unser Blutkreislauf ja nun auch nicht, dass nicht noch eine Verbesserung zu erwarten wäre. Handschin stutzte einen Moment, dann hellte sich sein Gesicht auf: sehr gut! Jeder Durchschnittslehrer hätte mich fortan wohl als leicht bescheuert betrachtet oder als wegen intellektueller Gefährlichkeit im Auge behalten. Von Handschin spürte ich fortan ein besonderes Wohlwollen.

Manchmal betrat er sein Schulzimmer mit der Rechten tief in der Tasche seiner grossen Hose verborgen, stellte sich vor die Klasse, ein verräterisches Schmunzeln im Mundwinkel, und fragte: Was machen wir heute? Wir warteten gebannt, und ja, da kam die erlösende Frage: Soll ich Euch eine Geschichte vorlesen? Ja, ja! 

Und schon angelte er ein Taschenbuch aus seiner Hose, blätterte darin; im Zimmer wurde es mucksmäuschenstill. Hab ich Euch die Liebesgeschichte von Siegfried Lenz schon mal vorgelesen? Nicht? Also… Die Linke in der Hosentasche, nur dann und wann zum Umblättern hervor gezogen, lässig ans Katheder gelehnt in seiner bequemen weiten Kleidung, die mitsamt dem groben Schuhwerk immer auch die Möglichkeit offen liess, dass er uns genau so spontan auf eine Exkursion in Wald und Feld mitnehmen würde, begann er deutlich und langsam vorzutragen, ohne zu verbergen, dass sein Vergnügen dem unseren in nichts nachstehe. Die wunderbare Wortfolge «Willst, sprach er, Lakritz», mit welcher der unbeholfene Holzfäller Gritzan seiner Angebeteten auf dem Bootssteg näherzukommen versuchte, hat sich für ein ganzes Leben in meinen literarischen Schatz eingeprägt, und natürlich verschlang ich dann zuhause «So zärtlich war Suleyken», Lenz’ Ode in Form wunderlicher Kurzgeschichten an seine masurische Heimat, und nicht nur einmal.

Ein anderer knapper Dialog, der sich dank Handschins Vorlesen in mein Gedächtnis einbrannte: «Ich bin, sprach er, von allen Kleidern entblösst.» – «Man sieht es», sprach der andere, ungerührt in der Tür der Wohnung stehend, die einst der erste bewohnt hatte, zusammen mit seiner Frau, die nun die des andern war. Die Parabel auf das Drama eines Heimkehrers aus Kriegsgefangenschaft aus der Feder eines andern deutschen Autors der Nachkriegszeit; leider hab ich vergeblich nach dessen Namen gesucht, die Zeilen nicht bei Borchert und nicht Bergengruen gefunden, deren Geschichten wir in Biologiestunden gebannt folgten. Auch Handschin selber hat auf dem Internet keine auffindbaren Spuren hinterlassen, und nicht allein, weil er vor dieser Zeit gelebte hatte.

Plötzlich war Handschin nicht mehr da. Die Biologiestunde fiel aus, dann hielt sie fortan ein anderer Lehrer. Jene in meiner Klasse, die sich wie üblich besser informiert gaben, berichteten, Handschin sei durch eine Falle der Kleptomanie überführt und darum von der Schule gejagt worden. Wir waren alle geneigt, die Falle für fies und die Klausucht für einen Vorwand zu halten, um einen Lehrer loszuwerden, der besser in der Natur und in Büchern zuhause war als im Lehrerzimmer, dessen Bevölkerung ihm seine lockere Nonchalance und seine Beliebtheit bei den Schülern missgönnte. Biologie war fortan zum Niederbrechen langweilig; Handschin fehlte uns, keine Frage; aber so berüchtigt unsere rebellische Klasse war, so wenig wussten wir uns in diesem Fall zu wehren. Handschin war unerreichbar, und ohne ihn machte der Gedanke an Aufstand wenig Sinn.

Zum Glück war Handschin lange genug mein Lehrer gewesen, um in mir ein tieferes Interesse an der Biologie zu wecken. Als wir während des Maturajahres eingeladen wurden, Probevorlesungen an der Universität Zürich in uns interessierenden Fächern zu besuchen, zögerte ich nicht und meldete mich für den Vortrag von Hedi Fritz-Niggli über Strahlenbiologie an. Als Primarschüler hatte ich einst den kühnen Entschluss gefasst, Atomphysiker zu werden, um meiner damals so Verehrten zu imponieren, deren Vater «nur» Physiker war. Und in der grenzenlosen Naivität meiner Gymnasialzeit hielt ich es wohl für einen genialen Streich, den einstigen Plan und die Liebe zur Biologie zu fusionieren. Nicht lange; der Vortrag belehrte mich, dass Strahlenbiologie für mich sterbenslangweilig sei, und erinnerte mich zudem daran, dass ich mein ursprüngliches Studienziel Medizin ja nur deswegen ausgeschlossen hatte, weil ich in Physik und Mathematik eine absolute Null bin und nur dank der Fürsprache von zwei Lehrern wegen einseitiger Begabung in Deutsch nicht von der Schule geflogen war. (Meine Tochter Zora hat mir viel später einmal an den Kopf geworfen, ich hätte sie mit meiner Erzählung sozusagen gezwungen, Medizin zu studieren; soweit ich es beobachten kann, ist sie eine gute und beliebte Ärztin geworden. Es scheint also doch so etwas wie ausgleichende historische Gerechtigkeit zu geben.)

Mein Pech war, dass bloss diese eine Vorlesung in Biologie angeboten worden war. Hätte der damalige Lehrstuhlinhaber für Meeresbiologie vorgetragen, hätte ich mich bestimmt für diese mir noch unbekannte Disziplin immatrikuliert, anstatt Soziologie und Psychologie zu studieren, von welchen ich zu Beginn ja genau so wenig wusste. So musste ich einen lebenslangen Umweg zurücklegen, von der Marktforschung über Journalismus, Kampagnen und Tierschutz, bis ich endlich bei der Wissenschaft vom Verhalten von Fischen angelangt bin. Handschin hat recht behalten.

Siegfried Lenz, «So zärtlich war Suleyken»

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