Archiv für die Kategorie ‘Literatur’

Wie alles Leben im Meer entstand – und darin wieder verschwinden könnte

Sonntag, 15. Dezember 2019

 

 

 

Wer wissen möchte, wie die Welt entstand, in der wir heute leben, und wie leicht und rasch das im Lauf einer sehr langer Zeit entstandene Gleichgewicht und damit die menschliche Zivilisation zusammenbrechen kann: Dieses Buch erklärt das alles eindrücklich.

Am Anfang war sozusagen nichts. Mehr als vier Milliarden Jahre brauchte es, damit in lebensfeindlichen Ozeane Sauerstoff entstand und andere Gase zurückdrängte. Eine komplexe Entwicklung mit vielem Auf und Ab, bis sich in den Fluten schliesslich allererste einfache Formen von dem entwickeln konnten, was wir heute als Leben bezeichnen.  (mehr …)

Hirnforschung, Wahnsinn und zurück in den Alltag

Samstag, 14. Dezember 2019

 

 

 

 

Der Wissenschaftsjournalist Beat Glogger legt einen spannungs- und lehrreichen Science-Thriller vor, der auf dem neusten Stand der Wissenschaft und auf privaten Erfahrungen beruht, den Bogen jedoch in unbekanntes Gebiet spannt, genauer: überspannt, jedenfalls aus der Rückschau der Hauptperson betrachtet.

Tina Benz, eine selbstbewusste und durchsetzungsstarke Frau vom herben Charme einer Lisbeth Salander aus Stieg Larssons Millenium-Trilogie versteht es, den international führenden Neurowissenschafter Frank Stern (mehr …)

Balance überm Abgrund geheim gehaltener Fakten

Freitag, 13. Dezember 2019

Peter Beutler schreibt Politkrimis; aber keine erfundenen. Er recherchiert wie ein Journalist historisch belegte Unfälle und Verbrechen in der Schweiz, die bisher ungeklärt geblieben sind. Dort, wo noch immer Geheimnisse die Geschehnisse verbergen, wird Beutler zum brillanten Romanautor. Er interpoliert zwischen den Scherben der aktenkundigen Fakten und bündelt das Wissen zu einer Geschichte, wie es in Wahrheit gewesen sein könnte. Der rote Faden, auf dem er dabei über die Abgründe balanciert, ist aus den feinen Fasern des cui bono geflochten: Wem mag es genützt haben? Den Mächtigen. Und offenbar sticht er damit ins Wespennest gewaltsam versteckter Wahrheiten, derart, dass er wie erst kürzlich Morddrohungen erhält. 

Geschichten erfinden ist, wie schon Yuval Harari sagte, eine zutiefst menschliche Wesensart, und in der Regel ist das ungefährlich – ausser man erfindet das, was unbedingt verschwiegen bleiben soll.

Zwei von Beutlers Büchern will ich hier kurz vorstellen. Ich habe sie mit wachsendem Interesse verschlungen, weil sie Ereignisse betreffen, die ich als lesender Zeitzeuge mitverfolgt hatte. 

In «Der Lucens-GAU» arbeitet Beutler den «grössten anzunehmenden Unfall» (GAU) in einem Schweizer Atomkraftwerk auf, ein Versuchskraftwerk in einer Felskaverne beim westschweizerischen Ort Lucens (deutsch: Losingen), das im Jahr 1969 sich nach nur einjährigem Betrieb durch eine Kernschmelze derart zerstörte, dass nichts anderes zu tun blieb, als es im Wortsinn dicht zu machen. So dicht jedenfalls, dass man besorgten Bürgern glauben machen konnte, da trete nie mehr Radioaktivität aus; die sei ja, so die Verantwortlichen, auch beim und nach dem GAU nie ausgetreten, jedenfalls nicht in besorgniserregendem Umfang… 

Wenn nicht die physikalischen Folgen, so hätten doch die politischen Hintergründe zu grosser Besorgnis Anlass geben müssen. Das AKW Lucens war, wie Beutler deutlich macht, nicht anderes als der Beton gewordene Wille eines helvetischen militärisch-industriellen Komplexes mit Ablegern bis weit rechts aussen, der um jeden Preis in den Besitz einer vom Ausland unabhängigen Maschine gelangen wollte, welche Plutonium für eine eigene Atomwaffe liefern würde. Beutler stellt die politische und wissenschaftliche Auseinandersetzung über diese Frage in der Gestalt zweier junger Forscherkollegen dar, die sich im Verlauf der Entwicklung des Reaktors immer mehr entzweien; der eine verbündet sich mit Politikern und Militärs, während der andere sich von Anfang an einzig für die friedliche Nutzung der Atomenergie engagiert hatte und zunehmend gegen die militärischen Absichten und gegen die Inbetriebnahme des Reaktors opponierte, dessen Sicherheit er als fraglich beurteilte. Beutlers Geschichte endet (oder beginnt) damit, dass der Kritiker, von seinem Kontrahenten in den Stollen geschickt, mutmasslich beim GAU ums Leben kommt. Die komplexe Spurensuche auf dem Weg zu diesem Schluss ist faszinierend.

In «Hauptwache Urania» greift Beutler ein Ereignis auf, das ab 1967 die Zürcher Öffentlichkeit bewegte. Die Hauptperson war unter dem Namen «Meier 19» in aller Munde: Kurt Meier, Detektivwachtmeister der Zürcher Stadtpolizei. Beutler bezeichnet sein Buch als Hommage an diesen Mann, weil er «gegen Behördenwillkür, Günstlingswirtschaft und Amtsmissbrauch gekämpft» hat und weil «die Politik, die Justiz die die Polizei ihm das heimgezahlt und in seiner Existenz beraubt» haben. Ein klassischer Whistleblower-Fall. Meier hatte Fälle zur Anzeige gebracht, in welchen hochrangige Persönlichkeiten trotz erwiesener Zuwiderhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz nicht gebüsst worden war. Vor allem aber machte Meiers Vorwurf Schlagzeilen, der damalige Kripo-Chef Walter Hubatka wisse etwas über den Diebstahl, bei dem im Jahr 1963 auf der Hautwache Lohntüten mit insgesamt 80’000 Franken entwendet worden waren; entweder decke Hubatka  die Täter oder gehöre selber zu ihnen. 

Meier wurde 1967 wegen Amtsgeheimnisverletzung aus dem Polizeidienst entlassen. Das  Bezirksgericht attestierte Meier ein halbes Jahr später zwar «achtenswerte Motive» und verknurrte ihn statt zu Gefängnis zu einer kleinen Busse; gleichzeitig hielt das Gericht aber fest, er hätte seine Beschwerden verwaltungsintern vorbringen müssen, weshalb der Tatbestand der Amtsgeheimnisverletzung gegeben sei. Das von Meier angerufene Bundesgericht bestätigte 1968 dieses Urteil. Eine parallel tagende Parlamentarische Untersuchungskommission war 1967 zu ähnlichen Schlüssen und stellte fest, es habe sich lediglich um «Einzelfälle» gehandelt. Gegen den entschlossenen Willen der Aufsichtsorgane, den Unregelmässigkeiten auf den Grund zu gehen, blieb Meier nichts anderes übrig, als sich für die Wahrheit und seine Ehre selber zu wehren. Die Fortschrittliche Studentenschaft Zürich unterstützte ihn dabei mit Flugblättern, in welchen Meier die Fakten ausbreitete, und mit einer Demo gegen korrupte Polizeichefs.

Wer die Lohntüten aus der Hauptwache geklaut hat, ist bis heute ungeklärt, besser gesagt: geheim. Beutler legt in seinem spannenden Roman eine Lösung des Falls nahe.

Nun, war es so gewesen in Lucens, auf der Zürcher Hauptwache? Zumindest sind Beutlers Erklärungsversuche so plausibel, dass die Hüter der Geheimnisse nicht mehr ruhig schlafen dürfen, bis alles ans Licht kommt.

Peter Beutler: «Hauptwache Urania», Kriminalroman. Emons Verlag, Köln, 2017, 335 S., Taschenbuch, ISBN 978-3-7408-0164-9
derselbe: «Der Lucens-GAU», Kriminalroman. Emons Verlag, Köln, 2018, 368 S., Taschenbuch, ISBN 978-3-7408-0432-9

Website des Autors

 

Ein Krimi für gut Beschuhte

Mittwoch, 11. Dezember 2019

 

 

 

 

 

Zur Lektüre dieses Krimis empfiehlt sich gutes Schuhwerk. Für jene, die nicht mehr erlebt haben, was das heisst: Ich rede von solider Handwerksarbeit aus echtem Leder, innen wie aussen, rahmengenäht, Vollgummisohle, mit reissfesten Nesteln und Ösen, von einer Qualität, der man ganz selbstverständlich Pflege und gutes Schuhfett angedeihen lässt.

(mehr …)

Tod in Genua, und überall

Mittwoch, 23. Oktober 2019

 

 

 

Alles bricht in sich zusammen, und Genua ist ein Spiegelbild hierfür. Die Idee einer zivilen Gesellschaft zerschellt am staatlichen Verhalten gegenüber Protestierenden gegen den G7-Gipfel. Die Vorstellung von der Sicherheit des Lebens in einem modernen Staat stürzt mit dem Zusammenbruch der Morandi-Brücke in den Abgrund. Die in ihrer Grandezza unsterbliche alte Tante Matilde hat sich unversehens ins Jenseits abgemeldet, was derart unerhört erscheint, dass ihr Begräbnis zum Desaster gerät, in welchem sich alles auflöst. Auch die Liebe zwischen Nina und Paul, den beiden andern Hauptpersonen, deren Schwierigkeit wie ein stetig röter werdender Faden durch den Roman führt, der sich zu dessen Ende aufdröselt, zerbröselt, verfällt. Nichts bleibt mehr ausser Bedauern, auch darüber, dass der Roman schon zuende ist, in dessen Bildern und Tönen und  Farben ich mich fast häuslich eingerichtet hatte, so dass ich mich als Lesender getragen fühlte, fortgetragen wie die imaginierte Tante Matilde in ihrem antiquierten Kreuzfahrtschiff, aus tausend Fenster zugleich winkend, wie zum Trost für den unwiderruflichen Abschied.

(mehr …)

Übers Mittelmeer nach Europa

Montag, 21. Oktober 2019

 

 

 

Der Schweizer Journalist Beat Stauffer kennt den Maghreb seit vielen Jahren und berichtet über den vorwiegend arabischen Norden Afrikas immer wieder in der NZZ und auf Schweizer Radio SRF. Stauffer hat sich dabei auch wiederholt kritisch mit der Migration aus dem Maghreb nach Europa auseinandergesetzt. Nun legt er ein umfangreiches und reich dokumentiertes Buch zum Thema vor.

(mehr …)

Hommage an den vorlesenden Biologielehrer Handschin

Samstag, 10. August 2019

 

 

Warum ich gerade heute beim Erwachen an meinen Biologielehrer an der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) gedacht hab, kann ich mir nicht erklären. Ich weiss nur, dass ich diese Geschichte jetzt festhalten muss, egal, was ihretwegen an Arbeit liegen bleibt.

(mehr …)

Wenn ganz viele Menschen aus Afrika kommen

Mittwoch, 01. Mai 2019

 

 

 

 

 

Hier schreibt ein Autor über die Migration von Afrika nach Europa aufgrund von Zahlen und Fakten, die bestimmte Überlegungen nahelegen, denen er nicht ausweicht, anders als viele in Europa, die sich nicht mit den Folgen auseinandersetzen wollen. Die aber kommen so oder so, die Frage ist nur, ob wir sie vorausschauend gestalten oder abwarten, bis sie über uns hereinbrechen.

(mehr …)

Vergrabene Kriegsbeile ruhen nicht

Samstag, 05. Mai 2018

 

 

 

Das Bologneser Autorenkollektiv Wu Ming folgt in seiner Romancollage «Kriegsbeile» einer fixen Idee. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs mussten sich viele italienische Partisanen in den Ostblock absetzen, um nicht liquidiert zu werden von Faschisten, die relativ problemlos in die Rolle von Polizisten, Richtern und Beamten schlüpften. Da KPI-Chef Togliatti nach dem Sieg der Christdemokraten bei der ersten Parlamentswahl der jungen Republik im Interesse nationaler Versöhnung angeordnet hatte, dass die Partisanen ihre Waffen abgeben, blieb der einzige Schutz, den die Partei den Kämpfern noch bieten konnte, der klandestine Abgang nach Jugoslawien, in die Tschechoslowakei oder nach Moskau.

Doch es ging das Gerücht, einige Partisanen seien ganz woanders hin ausgewichen, nach Indochina, als Kämpfer in den Reihen der dortigen Befreiungsarmeen. (mehr …)

Kindliches Schreckstaunen, unbotmässig

Sonntag, 03. Dezember 2017

 

 

 

Du erzählst mutig, Romana. Zum einen, weil Du aus Deinem eigenen Leben als Mädchen und junge Frau erzählst und Dich dabei auszieht, bis Du so nackt auf dem Glastisch liegst wie Deine Geschichten, wenn sie erst als Idee da sind und Du sie zu verlieren fürchtest vor dem Aufschreiben, das warten muss, weil grad was Dringendes dazwischen kommt. Und zum andern, weil sich leicht überprüfen lässt, ob stimme, was Du mir erzählst.

(mehr …)